ירושלים ב

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„Allahu akbar“ tönt es aus den Lautsprechern des Minaretts. Es ist circa halb sechs Uhr Morgens und ich stehe aufrecht im Bett. Allah ist der Größte.

Eigentlich hatte ich meinen eigenen Wecker auf 6:30 Uhr gestellt, um bei Sonnenaufgang schöne Fotos von der Altstadt zu schießen, aber offenbar ging die Sonne an dem Tag eine Stunde eher auf. Draußen teilt das Licht die Nacht vom Tage langsam, doch mein Körper mag nicht wirklich aufstehen und so schiebe ich ihn erstmal unter die Dusche.

Frisch geduscht, mit einem eher kühlen Rinnsaal von Dusche und neu eingekleidet, in schwarze Hose, weißes Hemd, geh ich hinauf aufs Dach. Erstmal bete ich das Schacharit (Morgengebet).

Jerusalem in allen Richtungen, das Heiligtum, in Blickrichtung. Es ist Shabbat, aber dennoch hört man bereits das Klappern der Händler, die langsam den Shuk mit ihren Waren füllen werden.
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Trotz der frühen Zeit ist es recht warm, die Sonne färbt die alten Gemäuer golden und der Himmel ist strahlend blau. Genau richtig zum fotografieren, auch wenn ich damit ein Verbot des Shabbats breche. G’ttes Werk mag unvergänglich sein, aber eben nicht des Menschen Werk. Und grade die Stadt Jerusalem weiß das sehr wohl.

Gegen 10 sind dann auch Sigfus, Sebastian, Emmanuel und Ian wach, haben gefrühstückt und wir beschließen, das Hostel erstmal zu wechseln, da Emmanuel abreisen und Sebastian uns nur bis 14 Uhr begleiten wird.

Ian und ich möchten jedoch gerne erstmal wieder zur Klagemauer, deren Platz gleichzeitig auch eine Synagoge ist und am Shabbatg’ttesdienst teilnehmen.

So laufen wir fünf also mit vollem Gepäck den Shuk hinunter, werden von etlichen Händler begrüßt und drängeln uns im Fluss der Massen durch die Gassen.

Ein paar orthodoxe Juden sehen wir zwar auch durch den Basar rennen, aber sie halten nicht an, blicken nicht nach links oder rechts, sondern eilen zielstrebig in Richtung jüdisches Viertel, an dessen Fuße sich auch haKotel befindet.

Dummerweise hat Ian dann ein paar Probleme, seinen Rucksack durch die Sicherheitsschleusen zu bekommen, den was er ganz vergessen hat, ist das Klappmesser in seinem Rucksack. Er lässt es also samt Rucksack zurück.

Dann gehts zum notwendigen Hände waschen vor dem Betreten des heiligen Ortes. Überhaupt ist das rituelle Waschen der Hände ein Brauch, der auch vor jedem Essen, dem Betreten von Synagogen oder Friedhöfen oder an bestimmten Feiertagen extra stattfindet. Siehe dazu hier.

Erst dann betreten wir wirklich die Freiluftsynagoge.IMG_1035.JPG

Ein Mann hält mich an, fragt mich ob ich „תפילין“ – Teffilin anlegen will. Ich sage: „כן“ – ja. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Gebetsriemen trage. Er spricht mir langsam das dazugehörige Gebet vor und ich versuch es so gut es geht nachzusprechen.

Es mag eigenartig aussehen, zwei Quader, einen auf dem Kopf, einen auf der linken Hand, zu tragen und dabei mit einem Buch in der Hand in ständigem Vor- und Zurückbeugen des Oberkörpers vor einer Mauer zu beten, doch genau das ist es, was ich an diesem Tag möchte: Beten.

Etwa eine halbe Stunde später stimme ich dann, nachdem ich ein paar Gebete gesprochen hab, in die Gesänge der Umstehenden ein. Sie singen „Lecha dodi“. Eines meiner Lieblingslieder aus der Siddur.

Ian ist bereits wieder außerhalb des Platzes und wartet auf mich. Er grinst, als er mich in „voller Montur“ sieht, doch er selbst hatte mich gestern noch gefragt, ob wir uns heute die Tefilin umschnüren würden.

Wir treffen die drei Anderen dann am Österreichischen Hospiz. Leider haben sie kein Zimmer für uns frei und so beschließen wir, es in einem Hotel in der Nähe des Jaffa-Tores zu versuchen. Doch da die Via Dolorosa am Hospiz entlangführt, führe ich die Truppe dort entlang, hinaus am Löwentor und hin zum muslimischen Friedhof.

Für das Goldene Tor hat zwar keiner Interesse, dafür umso mehr für die auf der anderen Talseite liegenden Grabstätten und die Mauer, die Ost- von Westjerusalem trennt.

Am Dungtor gehen wir wieder in die alte Stadt und laufen über das jüdische, dann das armenische Viertel zurück.

Doch auch das Hotel hat keine Betten mehr frei und so landen wir wieder im Petra Hostel, diesmal für 260 NIS die Nacht im selben Zimmer.

Trotz Shabbat hat das „The Tower of David Museum“, was quasi das Stadtmuseum ist, geöffnet und man darf sogar jetzt kostenlos fotografieren.
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Wir nutzen also die Gelegenheit und erkunden die alten Ruinen der Festungsanlage. Der Davidsturm hat jedoch nichts mit König David zu tun, sondern war ursprünglich ein Minarett. Aber darüber wird man dann auch im Museum aufgeklärt.

Nach dem Rundgang liefen wir dann wieder in die alte Stadt. Ian war noch immer auf der Suche nach Shishatabak, auch wenn es den wirklich an jeder Ecke gab. Aber er wollte noch irgendwas Anderes haben, was man in den Tabak mischen kann.

Es war dann schon 18 Uhr, als wir, die Füße wundgelaufen, wieder aus der Altstadt herauskamen. Unsere Mägen knurrten und so fielen wir bei einem Libanesen ein, der ganz wunderbare Kebab zubereiten konnte.

Kebab hat allerdings nicht mit Döner Kebab zu tun, sondern sind einfach nur sehr leckere Fleischspieße.
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So gestärkt, der Shabbat neigte sich dem Ende zu, wollten wir das jüdische Viertel erkunden, was weitestgehend geschlossen war am Tage.

Hocherfreut war ich, als ich einen Buchladen fand, der zahlreiche Bücher in Englisch führte und erwarb endlich eine komplette Artscrolls Siddur für den halben Preis, wie sie Amazon in Deutschland derzeit verkauft.

Spätabends saßen wir dann, Ian, Sigfus und ich, auf dem Dach des Hostels, genoßen die kühle Abendluft, gepaart mit ein paar Dosen belgischem Bier und sinierten über G’tt und die Welt, begleitet von lauten Konzertklängen die aus der Davidsturm-Festung kamen.

Langsam schloßen die Händler ihre Läden. Der Mond war hinter streifenförmigen Wolken, so dass man ihn direkt beobachten konnte, wie er sich langsam, von links nach rechts im Halbkreis bewegte.

Plötzlich entdeckte ich ein paar Leuchtraketen am Horizont, die direkt an der Betonmauer die Palästina von Israel trennt hinuntergingen. Doch nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei und wir widmen uns wieder dem schönen Anblick der Altstadt und dem Erdtrabanten.

In der Ferne beoabachte ich ein Flackern, was aus rechter Richtung direkt auf uns zuzukommen scheint. Immer größer wird es und entpuppt sich als eine Art Feuerball, der sich nun aber zielstrebig Richtung Ostjerusalem bewegt.

Eine Rakete? Womöglich, den so schnell und leise ist kein Flugzeug. Noch dazu so hell. Irgendwo in Westjordanien verschwindet das Ding dann.

Wenige Minuten später noch eins. Und dann noch ein Drittes. Wir sind uns nun sicher, es müssen Raketen gewesen sein.

Findet Etwas gerade jetzt ein Angriff auf das Palästinänsergebiet statt und wir sind live dabei? Erst die Leuchtsignale an der Trennungsmauer und jetzt das?

Was solls. Wir genießen weiter unser Bier, die kühle Abendluft und die Stille und Schönheit der Altstadt.