דיו

image_pdfimage_print

flickr

Dejo – Tinte

Heute war ich nachmittags meine Großmutter besuchen und fuhr auf dem Rückweg mit der Bahn. Als ich mich setzen wollte, bemerkte ich auf der Sitzreihe neben mir ein paar lose Werbezettel und einen schwarzen Füllfederhalter liegen.

Ich besitze einen ähnlichen Füllfederhalter, ebenfalls aus Aluminium, nur nicht schwarz sondern silbern.

Nun dachte ich natürlich zuerst daran, ihn mir zu behalten, da ja offenbar niemand anderes Anspruch auf den Füller erhob, die Bahn leer war und der Verlust sicher erst von dem Betroffenen zu spät bemerkt werden würde.

Also nahm ich ihn an mich, steckte ihn in Tasche und fing an darüber nachzudenken, wem wohl dieses Schreibgerät gehören mag.

War es ein Schüler, der gerade ein neues Schuljahr begann und diesen vielleicht von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte? Oder ein Student, der damit gerade seine letzte Prüfung geschrieben hatte? Oder vielleicht sogar ein bald berühmter Autor.

Umso länger ich darüber nachdachte, kam ich zu der Erkenntnis, dass der Besitzer sich auf jeden Fall darüber ärgern würde, aber letzten Endes einen neuen Tintenschreiber kaufen würde. Den die Realtität ist doch, dass man leider nicht mehr damit rechnen kann, dass Etwas derart Normales irgendwo an anderer Stelle auftauchen würde und man es zweifelsfrei als das seinige identifizieren würde.

Der Füller wies keine großen Gebrauchsspuren auf, ein kleiner Kratzer an der Hülle, aber sonst schien er noch recht neu, wenn ich es mit meinem 3 Jahre Alten vergleiche.

Dennoch entschloss ich mich, ihn im Fundbüro der Verkehrsbetriebe abzugeben, aus einem einfachen Grund: Wieso sollte ich mich am Verlust anderer bereichern? Ich selbst hatte einen Füller, hatte also definitiv keinen Bedarf an Einem und würde ich ihn dennoch als Zweitfüller benutzen, so würde er mich ständig daran erinnern, dass er eigentlich jemand Anderem gehört.

Eine ähnliche Überlegung gibt es im Übrigen im Talmud, allerdings kommt er zu dem Schluss, soweit ich das richtig interpretiere, dass ich mir hätte den Füller behalten können, da er keine eindeutigen, dem Besitzer zuzuordnenden Merkmale besitzt. Mehr dazu auf juedisches-recht.de

Wie dem auch immer sei. Ich bin jemand, der oft Alltagsgegenstände verloren hat, seien es Mützen, Schals, Fahrausweise, Kopfhöhrer oder auch mal einen Rucksack samt Inhalt.

Und immer hab ich mich geärgert über meine Mangel an Umsichtigkeit und war heilfroh, wenn mal der eine oder andere Gegenstand wieder auftauchte, auch wenn ich deswegen nie zum Fundbüro gegangen bin.

Demzufolge konnte ich ein wenig nachvollziehen, wie sich derjenige fühlt, der vielleicht morgen in der Schule feststellt, das sein Schreibgerät weg ist und er wird keine Ahnung haben, wo es sein könnte.

Unwahrscheinlich ist, dass er ins Fundbüro der Stadt rennt und seinen Federhalter einfordert, aber die minimale Chance besteht.

Und wenn nicht, so dient er Jetzt einem anderen Zweck und wird von der Stadt nach 6 Monaten versteigert und bereitet Jemand anderen eine Freude, der ihn wirklich braucht.