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תענית

Ta’anit – Fasten

Für Fasten gibt es eigentlich zwei Wörter צום zom und תענית ta’anit. Was nun genau der Unterschied ist, bzw. ob es überhaupt einen gibt, weiß ich nicht, aber vielleicht findet sich im Laufe der Zeit eine Erklärung.

Nun war der vergangene Sonntag ein solcher Fastentag der צוֹם גְּדַלְיָּה Zom Gedaliah, welcher uns an die Ermordung des letzten biblischen Stadthalters von Jerusalem namens Gedalja ben Achikam erinnern soll.

Mit seinem Tod verlor das Judentum endgültig seinen Halt im Land Judäa und verstreute sich in alle Winde bzw. ging ins Babylonische Exil. Prominentes Beispiel dafür war der Prophet Jeremia, welcher nach מצרים Mizraim also Ägypten ging.

Nun wird also immer am 3. des Monats Tischri gefastet. Da dieser aber auf den Shabbat fiel, wurde es auf den folgenden Tag, also den 4. Tischri verschoben. Diese Regel ist immer so üblich, mit Ausnahme des Jom Kippur. Wobei dieser auch einen Shabbat, nämlich den Shabbat aller Shabbatot, darstellt. Dazu im bald folgenden Beitrag mehr.

Allerdings handelt es sich beim Zom Gedaliah um einen der einfachen Fastentage, die nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang andauern, Andere dauern 25h, also einen ganzen Tag.

Fasten. Das heißt für mich und viele Andere sicherlich auch, den kompletten Verzicht auf Nahrung, fest oder flüssig. Das heißt also auch keine Getränke, wie Tee, Wasser oder was sonst noch bei sogenannten Fastenkuren empfohlen wird.

Natürlich brauch der Mensch Wasser. Wie er das Wasser für den Körper brauch, braucht mein Geist Nahrung in Form von Schrift (Bücher) und Wort (Gespräche, Diskussion) und meine Seele… tja meine Seele, die brauch eben Zuwendung in immaterieller Form: Liebe, Religion, G’tt – nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.

Sehr schön ist das beschrieben in dem Lied „Got no water“ von Matisyahu und im Psalm 63:2-3 den er auch vertont hat.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=QFoawo_h2O0[/youtube]

Doch ich schweife ab…

Wie gesagt, gab es am Sonntag kein Essen. Ich war am Samstagabend noch auf einer Feierlichkeit, hatte aber weit vor Mitternacht nichts mehr gegessen und wachte mit relativ normalem Hunger auf. Doch gegen Mittag zeigten sich erste Anzeichen eines knurrende Magens.

Gegen Mittag wurde es dann kritischer, aber noch nicht unerträglich. Es ist nicht das erste Mal das ich faste, aber musste unentwegt an den vollgefüllten Kühlschrank, noch mit ein paar Rosh-Hashana-Resten, denken.

Abends, es war allerdings noch lange nicht 20:08, an dem ich wieder essen konnte, war plötzlich jegliches Hunger- und Durstgefühl verschwunden. Im Gegenteil fühlte ich mich sogar viel leichter und konzentrierter. Als hätte mein Körper plötzlich sich seiner, leider zu zahlreich, vorhandenen Energiereserven erinnert und diese aktiviert.

Als ich dann mir doch ein paar Nudeln zubereitet, bekam ich die sonst für mich normale Portion von 250g gar nicht vollständig runter. Und den Liter Mineralwasser trank ich eher aus reiner Vorsicht.

Montagmorgen wachte ich dann auf mit dem Gefühl, 5 Kilo leichter zu sein, die Waage zeigte aber gerade mal 0.5kg weniger, was im Grunde keine Veränderung bedeutete.

Doch das war quasi der rein weltliche Teil des Fastens.

Innerlich, damit meine ich vorallem geistig und seelisch, konnte ich viel mehr mich auf die Schrift konzentrieren, las ein paar Seiten, machte mir Gedanken, die immer klarer wurden, vergas quasi die Nöte meines Körpers und fühlte mich gegen Abend wirklich befreit von dieser unsäglichen inneren Taubheit, die mich des Öfteren überkommt.

Somit hatte Zom Gedaliah, immer noch ein Gedenktag, mir auch einen Teil dessen geben, was den tiefsten Wunsch unseres Volkes ausdrückt: שלום Shalom Frieden

דג

Dag – Fisch

Das neue Jahr hat begonnen, doch noch sind die Feiertage nicht vorbei. Nach Rosh HaShana folgte gleich der Shabbat, dann ein halber Fastentag צוֹם גְּדַלְיָּה‎ Zom Gedaliah und direkt am Freitag findet Yom Kippur als wichtigster aller Feiertage statt. Wenig später folgt סוכות Sukkot, das Laubhüttenfest und anschließend שִׂמְחַת תּוֹרָה Simchat Torah.

Doch schön der Reihe nach.

Am Abend des vergangenen Mittwoch traf ich mich mit Freunden, allesamt גוי‎ Goi – Nichtjuden, um mit ihnen das neue Jahr zu begrüßen und so ihnen ein wenig ihre Wissenslücken über jüdische Religion zu stopfen.

Wichtig ist natürlich immer das Essen, was allesamt von sehr symbolischer Natur ist. Zu פֶּסַח Pessach essen wir vorallem bitter und salzig, um uns an den Auszug aus Ägypten und das damit verbundene Leid zu erinnern, aber zu Rosh Hashana gibt es nur süßes Speisen, die den Wunsch eines süßen, also durchweg positivem Jahr zum Ausdruck bringen sollen.

Als Vorspeise hatte ich mich für Borscht entschieden, da die roten Rüben den Hass in der Welt verbannen sollen. Dazu muss man wissen, dass das hebräische Wort für Beete סלק Silka der selben (Wort-) Wurzel entspringt wie das Wort für verbannen.

Eigentlich sollte es dann einen Karottensalat geben, aber irgendwie ist der mir in den Vorbereitungen verloren gegangen. Karotten sollen nämlich mit ihren langen Wurzeln an die Wurzeln des jüdischen Volkes erinnern.

Deswegen gab es nur einen Salat mit Granatäpfeln, welche das bekannteste Symbol für Rosh Hashana sind. Es werden ihnen verschieden, aber ähnliche Bedeutung beigemessen. Zum Einen heißt es, ein Granatäpfel hätte 613 Kerne, was genau den 613 מצוה Mitzwot, also Geboten und Verboten im Judentum entspricht. Andere sagen: Möget ihr euch mehren wie die Kerne dieses Apfels. Für Andere symbolisiert es den Sündenfall, auch wenn das Thema Sünde ein völlig Anderes als im Christentum ist (Dazu später mehr).

Als Hauptmahlzeit gab es Fisch. Ganz Dorade und Wildllachsteaks. Fisch, also genau genommen der Kopf, steht als Erinnerung daran, dass Alles mit dem Kopf getan werden sollte. Und die Augen der Fische, die sich auch im Schlafen nie schließen erinnern an das stets wache Auge G’ttes.

Die Nachspeise war Honigkuchen, auch wenn ich natürlich noch Apfelstücke mit Honig auf dem Tisch stehen hatte.

K. hatte noch einen Nudelsalat und ich einen Taboulehsalat zubereitet, der ein wenig Abwechslung für das Abendessen brachte.

Gedeckter Tisch

Tisch mit Kiddusch-Wein, Granatäpfeln, Feigen, Äpfeln, Honig und so weiter…

Zu Beginn, die Kerzen hatte ich schon um 19.20 Uhr entzündet, die Gäste kamen aber erst nach 20 Uhr, sprachen wir gemeinsam den קידוש Kiddusch: Ein Gast die deutsche Übersetzung, ich auf hebräisch. Auf andere ברחות Segen verzichtete ich vor den Anwesenden, bzw. hatte sie vorher schon leise gesprochen: beim Händewaschen, vor dem ersten Biss ins Brot und nach dem Anzünden der Kerzen.

Weit nach Mitternacht war dann unsere kleine Feier vorbei. Ich räumte noch ein wenig auf, ging dann in der Dunkelheit, mit einem Rest Brot an einen nahegelegenen Fluss und warf einige Brotkrummen ins Wasser.

Diesen Brauch nennt man Taschlich, was wortwörtlich „wirf!“ bedeutet und soll den Abwurf von Sünden, die man im Jahr wissentlich oder unwissentlich begangen hat, symbolisieren. Manche werfen auch Steine, aber ich hatte mich dieses Jahr spontan für Brot entschieden.

Was aber viel wichtiger als die Frage „Brot oder Steine?“ ist, die eigene Reflexion. War man gut, war man schlecht, hat man Verfehlungen begangen, hat man für Andere positiv gewirkt?

Doch nur mit „ein paar Krümel ins Wasser werfen“ ist es eben nicht getan. Es ist nur eine wertvolle Erinnerung daran.

Als das Brot fast alle warf, aß ich das letzte kleine Stück, quasi als Symbol für „Was ich dieses Jahr noch in Ordnung bringen muss“ und ging nach Hause.

Schlaf, genauer Schlaf tagsüber, ist an Rosh Hashana nicht unbedingt gut. Es dämmerte zwar noch nicht, aber ich war noch in Gedanken und wollte auch rechtzeitig beim Schofarblasen am Morgen da sein.

Also schlief ich nicht, nickte nur mal kurz weg und hörte mir noch ein paar Sendungen zu Rosh Hashana, beispielsweise diese an.

Rosh Hashana ist aber 2 Tage lang und ging somit quasi nahtlos in den ersten Shabbat des neuen Jahres über. Und dann kam Sonntag der Fastentag.

Dazu aber im nächsten Beitrag mehr.

צלי

Zali – Braten

Gestern gab es, zu Ehren der zwei Finninen Lisa und Lotta, sowie dem Kanadier Maxime einen Abschiedsfeier und gleichzeitig wurde auch noch Weihnachten gefeiert.

Man soll nicht behaupten können, dass in Israel kein Weihnachten gefeiert wird, nur weil dies der Staat des jüdischen Volkes ist und das Judentum Jesus Christus eben nicht als den seinen Messias anerkennt.

Natürlich gibt es zum 1. und 2. Weihnachtsfeiertag, also dem 25. und 26. Dezember nicht frei, aber dieses Jahr fallen die Tage auf Shabbat.

Die Küche des Kibbutz hatte uns, den 20 Voluntären, extra zwei mittlere Truthähne zubereitet, mit einer Art Pilzrisotto als Füllung. Sehr schmackhaft.

Dazu gab es reichlich Wein, Punsch, Bier und Arak.

Brenda, die für uns Voluntäre zuständig ist, war ziemlich nervös. Schon den ganzen Morgen lang hielt sie uns mehrfach auf und fragte nochmals, ob wir um 18 Uhr alle mithelfen, das Essen von der Küche in den Gemeinschaftsraum zu bringen, was ein Fußweg von 5 Minuten ist.

Als es dann soweit war, fuhren wir mit 3 Sackkarren los und beluden letzten Endes nur zwei davon mit den zwei Truthähnen, zwei Blechen gebackene Süßkartoffeln und noch einem Kanister Pflaumensoße.

Ich muss sagen, dass ich noch nie vorher Truthahn, also Pute, in derlei Art gegessen hab. Also als Braten.

Aber zusammen mit der Pflaumensoße, einem Glas guten Golanwein und der sehr herzlichen Atmosphäre des Weihnachtsabends war es vorzüglich.

Um 21 Uhr musste Maxime dann leider schon aufbrechen und wir hatten keine blödere Idee als ihn auf einen der Sackkarren mit einem Stuhl zu verfrachten und die 20 Minuten bis zur Bushaltestelle mit lautem Getöse, kraftvollem Gesang aller uns spontan einfallenden Lieder und Jeder mit irgendeinem alkoholischen Getränk in der Hand, gemeinsam zu laufen.

Der Bus war zwar inzwischen schon weg, als wir ankamen, aber Maxime konnte ein Taxi für 10 Shekel nach Afula erwischen. Sein Flieger ging ohnehin erst 8 Uhr morgens ab Tel Aviv und sein Heimweg wird ihn bis Sonntagabend beschäftigen, da er in Paris noch achtzehn Stunden Aufenthalt hat, in Quebec fünf Stunden auf den Bus warten muss, welcher ihn dann in 12 Stunden nach Hause bringt.

Der Abend wurde dann recht lang, die Nacht war praktisch nicht vorhanden und morgens stand ich dann zähneputzend vor dem Spiegel und stellte fest: Wir haben kein Wasser.

Ich kannte diese Situation zwar schon aus dem anderen Kibbutz, aber nach so einer durchzechten Nacht freut man sich umso mehr auf eine heiße Dusche, einen gepflegten Innenbereich und auch mindestens einen halben Liter Eskimoflip.

Missmutig ging ich also zum Frühstück, welches sehr Besonders ausfiel, da heute der Kibbutz seinen 88. Geburtstag feiert. Es gab neben den üblichen Speisen auch noch reichliche Käse und Wurst. Doch leider keinen Kaffee.

Die einzige Quelle für Etwas in flüssiger Form war Milch, wahlweise Ziegen- oder Kuhmilch.

Nachdem mein Magen sich wieder beruhigt hatte, fuhr ich zusammen mit drei Voluntären per Shuttlebus nach Afula um mir ein wenig Bargeld zu besorgen, den die 135 Funny Money waren gleich beim ersten Einkauf komplett alle und ich hatte mir bereits gestern zwei, oder warens drei, Bier geliehen.

Zurück im Kibbutz, der Shuttlefahrer hatte mich freundlicherweise auf mich gewartet, während ich Geld holen ging, begrüßte mich Brenda, die schon wieder in voller Sorge war, dass unsere Küche nicht aufgeräumt werden würde, weil doch heute soviele Leute nach Nazaret zur Christmesse gefahren sind.

Ich beruhigte sie, ging erstmal Gemüse einkaufen und fand im Frost des Supermarkts sogar eine Packung russischer Pelmeni, mit Rindfleischfüllung, die ich mir gleich einverleiben werde.

Heute Abend wird dann ein großes Festessen stattfinden, zu Ehren des Kibbutz natürlich. Spätabends feiert dann Alex, eine Voluntärin, ihren Geburtstag und Christmas Eve / Boxing Day ist ja auch noch.

Volles Programm also.

הררים

Hararim – Berge

Heute war der erste Tag, an dem ich wirklich mal ein wenig gefröstelt habe. Trotz T-Shirt, Pullover und Regenjacke war es recht frisch morgens um 8.30 Uhr, als ich an der Haltestelle stand und auf den Bus nach Tiberias wartete.

Mein Gastgeber Yotam hatte mir zwar angeboten, dass einer seiner Mitbewohner mich runter bis an den Kinneret bringt, aber dann hätte ich noch mit dem Bus nach Tiberias und von dort aus schließlich nach ‏צפת‎ – Safed (spricht man im hebr. „Zfat“ aus) fahren müssen, was noch umständlicher war.

Also ging es nach Tiberias und zu meinem Glück fuhr der Bus 450 nach Safed auch gleich in den nächsten 10 Minuten ab, so dass ich kurz vor 10 weit oben in den Bergen ankam.

Safed ist, neben Jerusalem, Hebron und Tiberias eine der wichtigsten Städte für das Judentum. Hier wurde die Lehre der Kabbala, einer sehr mystischen Auslegung der heiligen Schriften, quasi begründet und es fanden sich im Laufe der Jahrhunderte viele berühmte jüdische Größen zusammen um weiter an der Enträtselung der Tora zu arbeiten.

Wer den Spruch: „Was man nicht will, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu.“ schon mal gehört hat, er geht auf einen der bekanntesten Rabbiner namens Hillel zurück.

Es war nun so, dass ein Nichtjude zu ihm kam, nachdem er bereits von einem anderen Rabbiner zurückgewiesen wurde und vor Hillel trat und meinte, er wölle konvertieren, wenn dieser ihm die gesamte Tora in der Zeit erkläre, die er auf einem Bein stehen kann.

Hillel machte ihn zum Proselyten (Jemand, der beitreten will) und erklärte ihm die Tora: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora, und alles andere ist nur die Erläuterung: geh und lerne sie“

Nun ja. So einfach ist es. Oder eben auch nicht. Zum Judentum kann man nicht so ohne Weiteres beitreten. Das Judentum missioniert nicht und rät Leuten, die unbedingt zum Volke Israel dazugehören wollen, auch generell davon ab. Einfach sich nur auf den Glauben an G’tt zu berufen, zu behaupten, dass man das Volk Israel mag und gerne ein Teil davon sein möchte, reicht eben nicht.

Safed liegt, wie schon erwähnt, recht weit oben. Circa 880m über Normalnull, wobei man vom Kinneret aus wahrscheinlich mehr als einen Kilometer Höhe überwindet, da Dieser der tiefstgelegenste See der Erde mit 212m unter NN ist.

In der Altstadt, die quasi an der Spitze des Berges von Safed, liegt, schlendert man eine kreisförmige Straße hinauf bzw. dann wieder hinab. Links und Rechts jede Menge Geschäfte, Imbissstände und zwei Viertel: das sephardische und das aschkenasische.

Sephardim und Aschkenasim bilden die zwei größten ethnischen Gruppen innerhalb des Judentums und unterscheiden sich vorallem hinsichtlich Herkunft, Liturgie und auch Sprache.

Alles in Allem aber folgen sie der gleichen jüdischen Tradition, beherschen natürlich auch hebräisch, so sie wollen und leben in recht friedlicher Koexistenz im Staate Israel oder der Diaspora.

Nach einer Stunde war ich dann mit meinem Rundgang durch Safeds Altstadt fertig und beschloss, nochmal die Straßen langzulaufen und in einem Imbissstand halt zu machen.

Schließlich gab es ein sehr leckeres Hummus Ful, also Sesam-Kichererbsenpaste mit einem warmen Bohnengericht. Dazu gabs eine Teller Gemüse: eingelegte Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Karotten. Dazu natürlich Pita!

So gesättigt trat ich dann auch schon wieder die Heimreise an, fuhr mit dem Bus nach Tiberias, wo ich die Wartezeit von fast 1h damit verbrachte nochmal Etwas einzukaufen und nochmal zum Grab des Rambam zu gehen.

Gegen 14 Uhr kam ich dann bei Yotams Haus an, öffnete die Tür und erschrak ein wenig, da plötzlich ein Baby anfing zu schreien.

Ich war wirklich im unpassendsten Augenblick ins Haus gekommen, nämlich genau dann, als dem Jungen ein Stück von seinem besten Stück entfernt wurde.

Mir hatte man zwar gesagt, dass heute eine Brit Mila stattfinden würde, aber es hieß „in the evening“ und nicht „2pm“.

Dafür gabs dann ein leckeres kaltes Buffet und guten קפה עמ הל – Kaffee mit Kardamom.

יום הכיפורים

Yom  haKippurim – Tag der Versöhnung

Nun ist er vorbei, der Tag der Tage – zumindestens im Judentum. 25h lang habe ich nichts gegessen, nichts getrunken, keine Schuhe getragen, mich nicht geduscht, nicht irgendwelche Arbeiten erledigt und auch keinen Ledergürtel getragen.

Für den Einen mag das vielleicht ein wenig zuviel des „Guten“ sein, für mich ist es aber genau das richtige Maß. Andere sind da noch härter.

Den ganzen Tag, angefangen bei gestern Abend, wurden verschiedene Gebete gesprochen, es wurde viel gesungen, aus der Tora vorgelesen und meditiert. Ja, auch Meditation ist ein Weg sich mit HaShem zu versöhnen.

Am Ende, also heute gegen 18:30 gab es endlich das langersehnte Abendessen. Leider nur vegetarisch und ich hatte erstmal keinen Hunger. Aber als ich die erste Portion Nudeln gegessen und ein paar Schluck Wasser getrunken hatte, kam das blöde Gefühl im Magen wieder auf. Also gabs dann noch drei Portionen Salat und zwei Eier.

Anschließend gingen wir zu Shirley, einer der Kibbutzniks um dort mit fremden Bewohner des Kibbutz gemeinsam das neue Jahr zu feiern. Das ist keine wirklich jüdisch-israelische Tradition, aber im Kibbutz ist es Brauch, dass man nach Yom Kippur die Türen seines Hauses öffnet und jedem Essen und Getränke anbietet.

Zu Beginn, als nur etwa 20 Leute da waren, stellte sich ein jeder vor und gab seine intimsten Geheimnisse preis.

Nein Quatsch. Man sagte seinen Namen und welche Massage man am Liebsten mag. Warum grad das? Ich hab keine Ahnung.

Dann ging der Abend weiter, an dem immer wieder Leute spontan aufstanden, lauthals Lobpreisungen auf den Kibbutz, den Herrn, die Kinder, die Alten oder was sonst auch immer aussprachen. Ich verstand leider nicht Alles, doch bekräftigte es mit einem „Amen“ oder „Halleluja“.

Aufeinmal fingen Leute an Lieder zu singen. Jeder in der Sprache des Landes, in welchem er geboren war. Also auf russisch, polnisch, spanisch, arabisch, slovakisch, englisch, niederländisch oder eben auch deutsch.

Zumindestens kam ich irgendwann an die Reihe und sollte ein Lied „be germanit“ – auf deutsch – singen. Mir fiel nur „Die Gedanken sind frei“ ein, aber der Text war mir zu Hälfte entfallen.

Wie behilft man sich da am Besten? Man schreibt Jemanden in Deutschland eine SMS, dass er doch mal bitte die erste Strophe des Liedes zusenden soll.

5 Minuten später konnte ich dann auch endlich den ganzen Text singen. Leider kein Lied zum mitklatschen oder laut schreien in diesen doch sehr orientalischen Freudenschreien, die so unnachahmbar sind, dass es mir selbst schwerfällt das onomatopoetisch zu beschreiben. Muss man mal selber gehört haben.

Irgendwann gegen 20:30 Uhr musste ich die Runde dann verlassen, da ich noch Wäsche waschen und meinen Rucksack für die Fahrt hoch nach Yerushalaim packen konnte.

Dummerweise hatte wohl jeder die Idee, seine Klamotten direkt nach Yom Kippur zu waschen und so reihe ich mich jetzt ein hinter 20 andere Wäschekörbe, die hoffentlich über Nacht alle gewaschen werden.

Also dann:

Ani oleh leYerushalaim machar.

Ich gehe morgen hoch nach Jerusalem.